Kata-Bunkai - Wie liest man eine Kata?

(von Marc Janott, Mai 2015, letzte Änderung Mai 2016, aktualisiert Januar 2017)

„Um es klar zu sagen, der beste Weg, Karate-Do zu verstehen, ist nicht nur, die Katas zu üben, sondern auch, ein Verständnis der Bedeutung zu erhalten, die jeder der Katas innewohnt.“ (Gichin Funakoshi)

„Selbstverständlich sind sowohl die Analyse (bunkai) als auch Partnerübungen (kumite) für ein kreatives, forschendes Lernen erforderlich. Vor allem auf das bunkai, das analytische Betrachten und Üben von Aktionen bzw. Bewegungsabläufen, kommt es an.“ (Kenei Mabuni)

„Nacheinander zu jeder einzelnen Bewegung die Bedeutung zu hören [in] mündlicher Überlieferung, [und] diesbezüglich jeweils zu entscheiden, in welchen Situationen sie anzuwenden sind, diese Entscheidung ist eine Sache, die fortlaufend zu trainieren ist.“ (Anko Itosu)

Bunkai ( 分解 ) bedeutet Analyse/Zerlegung. Im Karate bezieht sich der Begriff insbesondere auf die Analyse von Kata-Bewegungen, um ihre Bedeutung als Anwendung (Oyo 応用 ) herauszufinden. (Im Karate-Alltag wird „Bunkai“ häufig mit „Anwendung“ gleichgesetzt.)

Im Rahmen der wettkampfsportlichen Disziplin Kata-Bunkai werden spektakuläre, athletisch extrem anspruchsvolle Showkampf-Darbietungen gezeigt, die an großartige Filmstunts erinnern. Die vorgeführten Choreogrophien orientieren sich dabei am Ablauf der Kata und häufig ergänzen sie weitere beeindruckende Techniken, um einen größeren Show-Effekt zu bieten. Sport-Kata-Bunkai ist eine ästhetische Sportart, die sich auf der Grundlage der überlieferten Kampfkunst-Bewegungen entwickelt hat.

Vor der Versportlichung des Karate (zunächst als Leibesübungen in der Schule, später als Wettkampfsport) bildeten die Katas den Kern der Kampfkunst im Sinne der Selbstverteidigung (Notwehr). Da es keine Aufzeichnungen zu den ursprünglichen gedachten Anwendungen der Kata-Techniken gibt, sind sie heute offen zur Interpretation. Jeder kann seine eigenen Ideen einbringen. Die Auslegungsmöglichkeiten sind praktisch unbegrenzt. Es gibt kein einfaches Richtig oder Falsch, aber es ist möglich, die unterschiedlichen Interpretationen auf ihre Plausibilität hin zu untersuchen.

Aus vielen unterschiedlichen Quellen habe ich nachfolgend einige Regeln zusammengetragen, die bei der Plausibilitätsprüfung von Kata-Bunkai-Anwendungen helfen können.

Viel Spaß und Erfolg bei der eigenen Bunkai-Arbeit...

Grundannahmen

  • Der Gegner ist ein „Bösewicht oder Raufbold“ (Itosu), kein ausgebildeter Kampfkünstler. Die Kata umfasst daher Selbstverteidigungsmöglichkeiten gegen typische Fälle physischer Gewalt (HAPV – Habitual Acts of Physical Violence, dieser Begriff geht zurück auf Patrick McCarthy).
  • Jede Kata, bzw. Kata-Serie, ist ein in sich vollständiges Kampfsystem (Heian 1-5 bilden ein System). Sie bietet Antworten auf ein großes Spektrum typischer Angriffe (nicht nur Schwinger).
    „Der Angreifer mag die Handgelenke packen, Kleidung, Hals oder andere Teile des Körpers, und man muss sich aus seinem Greifversuch befreien und unmittelbar einen Gegenangriff abliefern. Was man sich also merken muss, ist die Schnelligkeit des Gegenangriffs, welcher nahezu gleichzeitig ausgeführt wird, während man sich aus dem Griff des Angreifers befreit. […] – Befreiungstechniken können benutzt werden gegen Greifangriffe von vorn, von der Seite und von hinten. Angriffe von vorne können solche Techniken beinhalten wie Greifen des Handgelenks, beider Handgelenke, des Kragens, der Haare oder Umklammerungen usw., und seitliche Angriffe wie Greifen des Handgelenks und Greifen des Halses, auch Angriffe von hinten können aus ähnlichen Techniken bestehen, etwa Greifen des Handgelenks, Greifen des Kragens, Umklammerung usw.“ (Funakoshi)
  • Der Gegner kennt die Kata nicht. Das bedeutet, die Anwendungen der Kata verlassen sich nicht auf bestimmte Folgeangriffe des Gegners, sondern ich übernehme die volle Kontrolle über den Gegner mit meiner Technik. „Gegen echtes Okinawa-Karate kann es nicht mehrere Angriffe geben.“ (Motobu Choki nach Higaki Gennosuke)
  • „Kata ist die Idealform. Echter Kampf ist ein Spezialfall.“ (Funakoshi) „Aufgrund deines Feindes/Gegners nimm Anpassungen vor!“ (Funakoshi) Die Katas lehren Prinzipien in Form von beispielhaften Techniken. Sie zeigen die Techniken in idealisierter Form. In einem echten Kampf werden die Prinzipien eingesetzt, doch die Bewegungen werden unsauber und der Ablauf reagiert auf die Aktionen und Reaktionen des Gegners.
  • Die überlicherweise verwendeten Namen der Techniken sind nur Nomenklatur und beschreiben eher die Bewegung als die Anwendung. Ursprünglich hatten die Bewegungen keine Namen. Die Bezeichnungen wurden erst in den 1930er Jahren eingeführt.
  • Die Kata beinhaltet (brutale) Methoden, um einen tätlichen Konflikt so schnell wie möglich zu beenden. Wenn diese Methoden zur Anwendung kommen, hat die Konfliktvermeidung im Vorfeld versagt, und es bleibt kein anderer Weg, um das eigene Leben zu schützen. „Soweit wegzurennen wie möglich und Schutz bei jemandem zuhause zu suchen oder um Hilfe zu rufen wären die besten Formen der Selbstverteidigung.“ (Funakoshi)

Das Ergebnis muss stimmen (Notwehrsituation)

  • Jede Bewegung/Sequenz führt zu einem Vorteil für mich und bringt den Gegner mindestens in eine schlechtere Lage.
  • Alle Kata-Anwendung haben das Potential den Kampf umgehend zu beenden. Die Katas enthalten daher keine reinen Blocks.
  • Nutze deine natürlichen, instinktiven Bewegungen und kanalisiere sie in wirkungsvolle Techniken.
  • Die meisten Kata-Techniken sind grobmotorisch und unter dem Einfluss von Adrenalin anwendbar, wenn Feinmotorik und Präzision herabgesetzt sind.
  • Die Bewegungen gehen in der Anwendung fließend in einander über. Es gibt keine Pausen im Kampf.
  • Der Gegner wird fortlaufend beschäftigt.

Regeln zum Dekodieren der Kata (Bunkai=Analyse)

Didaktischer Aufbau der Kata

  • Katas sind Sammlungen von Kampfprinzipien (keine vollständigen Kämpfe gegen mehrere Gegner). Kata-Varianten anderer Stilrichtungen zeigen, dass an den variierten Stellen die Prinzipien auf unterschiedliche Weise umgesetzt werden können.
  • Manche Kata-Sequenzen zeigen nacheinander mehrere Alternativen für dieselbe Situation oder dasselbe Prinzip.
  • Viele Kata-Sequenzen bieten Redundanz. Falls die erste Technik nicht den gewünschten Effekt haben sollte, greift die nächste Technik, usw.
  • Manche Katas gruppieren die Techniken/Prinzipien thematisch: Zum Beispiel von einfach zu komplex, von wahrscheinlichsten zu weniger wahrscheinlichen Angriffsszenarien, von weiter zu enger Kampfdistanz, von Befreiungstechniken über Schlagtechniken über Takedowns bis zu Hebeln.

Taktische Prinzipien

  • „Im Karate sind Schlagen, Stoßen und Treten nicht die einzigen Methoden; Wurf-Techniken und Druck gegen Gelenke sind ebenfalls enthalten.“ (Funakoshi)
  • Hit to unbalance, unbalance to hit. Damit ein Hebel oder Wurf funktioniert, wird der Gegner zuerst weichgeklopft (mit Schmerzen abgelenkt). Damit ein Schlag angesetzt werden kann, wird der Gegner zunächst immobilisiert (Hebel, Disbalance), so dass er nicht noch einmal angreifen kann. Das eine schafft jeweils die Möglichkeit für das andere.
  • Die Techniken beziehen vorhersagbare Körperreaktionen des Gegners mit ein (Bewegung weg vom Schmerz, Ausgleichbewegungen bei Gleichgewichtsverlust, usw.).
  • Die Hand, die dem Gegner am nächsten ist, nimmt den Angriff auf. Die Waffe, die dann am nächsten am Gegner ist, übernimmt den Gegenangriff. Die aufnehmende (blockende) Hand wird oft sofort zur angreifenden Hand. Block und Gegenangriff passieren oft gleichzeitig.
  • Alle Tritte treffen unterhalb der Reichweite der Hände des Gegners. Ich trete nur, wenn ich den Gegner mit den Händen unter Kontrolle habe.
  • Hast du den Kopf des Gegners unter Kontrolle, hast du den gesamten Gegner unter Kontrolle.
  • Mit Zug oder Hebel am Ellenbogen des Gegners kannst du ihn gut aus der Balance bringen.
  • Schlage harte Stellen mit einer weichen Waffe und weiche Stellen mit einer harten Waffe.
  • Die Techniken zielen häufig auf Vitalpunkte.
  • Positioniere dich neben oder hinter dem Gegner, aber so, dass du dem Gegner zugewandt bleibst.
  • Hast Du einmal Kontakt aufgenommen, bleibe in Kontakt bis der Gegner am Boden liegt.
  • Enter, do damage, escape. Wenn der Kampf sich nicht vermeiden lässt: Nimm den Angriff auf, gehe hinein, sorge dafür, dass der Gegner dir nicht nachlaufen kann, und dann lauf weg. Rein-Rumms-Raus!
  • „Hineingehen, annehmen, sich loslösen, und Greiftechniken – solcherlei Methoden kommen vor im Karate.“ (Itosu)
  • Überkreuz arbeiten: Schläge, Aufnahme, Kontrolle sind besonders wirkungsvoll/energieeffizient, wenn sie mit der rechten Hand auf die rechte Seite des Gegners gehen, bzw. mit der linken Hand auf die linke Seite des Gegners, und dann vor dem eigenen Körper vorbei durchgezogen werden.
  • Schläge mit dem Unterarm sind grobmotorisch besser umsetzbar und haben eine höhere Treffsicherheit und ein geringeres Selbstverletzungsrisiko als Schläge mit der Hand.
  • Move towards what you know and away from what you don't know. Bewege dich dorthin, wo du Kontakt hast und du dich auskennst und weg von allem, was du nicht kontrollierst. Wenn der Gegner dich mit einer Hand packt bewege dich zu der Hand hin und weg von dem Arm, der dich schlagen könnte.

Allgemeine Kodierungen

  • Der Gegner ist direkt vor mir.
  • Die Richtungen in der Kata zeigen jeweils entweder, welchen Winkel ich zu meinem Gegner einnehme, oder, in welche Richtung ich mich bewege, oder, in welche Richtung ich den Gegner bewege (durch Verschiebung und Drehung um das gemeinsame Zentrum).
  • Die „Ausholbewegungen“ sind aktive Teile der Anwendungen.
  • Die Endpunkte der Bewegungen zeigen das Ende der Durchziehbewegung (Follow-Through). Die eigentliche Anwendung erfolgt auf halbem Wege, meistens vor dem Rumpf. Die Durchziehbewegung erzeugt den richtigen Vektor (Richtung und Geschwindigkeit). Die Endposition kann oft gar nicht erreicht werden, da die Bewegung am Körper des Gegners endet. Die Bewegungsenergie wird dabei auf den Gegner übertragen.
  • Es gibt keine unnötigen Bewegungen in der Kata, sämtliche Bewegungselemente haben eine funktionale Bedeutung: Beide Hände sind immer im Einsatz. „Yoi-Positionen“ sind keine Grußhaltung, sondern die erste Technik. Hikite hält etwas fest und zieht es zur Hüfte. Innerhalb der Kata gibt es keine Bereitschaftshaltung.
  • Während die eine Hand schlägt, zeigt die andere Hand mir entweder, wo mein Gegner ist, oder sie schafft Arme oder Beine aus dem Weg. ("The non-striking hand is either telling you where he is or getting limbs out of the way." Iain Abernethy)

Spezielle Kodierungen

  • Wendungen zeigen entweder andere Winkel (s.o.) oder Takedowns.
  • Die Stände beschreiben Schwerpunktverlagerungen: ZK Druck nach vorn, KK Zug in die Körpermitte, KB Druck/Zug nach unten, Sprung Druck nach oben oder Wurf, HS neutraler Schwepunkt, KS Schwerpunkt „im“ Gegner.
  • Die Stände können auch Techniken sein (z.B. ZK Kniehebel, KB+KK Scherwurfsperre, NA Fußsichel, KS Rotation oder Gelenktritt, und ähnliches).
  • Offene Hände sind entweder eine Schlagwaffe, oder sie bedeuten das Greifen eines Ellenbogens, des Kinns oder des Halses.
  • Geschlossene Hände sind entweder eine Schlagwaffe, oder sie bedeuten das Greifen des Gegners (Handgelenk, Haare, Gesicht, etc.), oder die Technik wird eigentlich mit den Armen bewirkt (Schlag, Hebel).
  • Bodenkampftechniken werden in der Kata im Stehen gezeigt.
  • In den Abständen zwischen Rumpf und Armen (z.B. Kagi-Zuki) kann der Gegner eingeklemmt werden (Kopf, Arm).
  • Dreifache Folgen derselben Technik illustrieren die Übergänge zwischen den Techniken: Einmal recht auf links und einmal links auf rechts.

Interpretationsspielraum

Natürlich muss nicht jede gefundene Anwendung alle diese Regeln erfüllen, aber die Regeln können als Checkliste dienen, um die Plausibilität der Anwendung abzuprüfen. Je mehr Punkte die Anwendung erfüllt, desto plausibler erscheint diese.

Dabei ist zu beachten, dass die Brauchbarkeit der Anwendungen von der Person abhängt, die die Anwendung ausführt, und auch von dem angreifenden Gegner. Für kleinere Menschen funktionieren andere Anwendungen derselben Bewegung als für größere Menschen.

Wir wissen nicht, welche Anwendungen die Erfinder der Katas ursprünglich im Sinn hatten. Daher haben wir heute einen großen Freiraum bei der Interpretation.

„In allem Budo, und nicht nur im Karate, unterscheiden sich die Interpretationen der Kunst durch die Trainierenden je nach der Interpretation ihrer Lehrer. Überdies ist es selbstverständlich, dass Abweichungen in der Ausdrucksweise wiederum charakteristisch für jeden Einzelnen sind.“ (Funakoshi)

„Immer arbeite daran, nachzudenken und neue Ideen und Verbesserungen hervorzubringen!“ (Funakoshi)